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Charta Krise der Finanzverwaltungen = Krise der sozialen Gerechtigkeit Charta der Finanzverwaltungen I n h a l t s v e r z e i c h n i s 3. Bestimmungslandprinzip = Einfallstor für Wirtschafts- und Steuerkriminalität 4.Steuer- und Zollverwaltung - ein stumpfes Schwert gegen Steuer- und Wirtschaftskriminalität 5.Steuerkriminalität und Wirtschaftskriminalität boomen III.Sieben Schwerpunktforderungen zur Stärkung der Finanzverwaltungen in Europa
"Eingedenk der historischen Bedeutung der Überwindung der Teilung des
europäischen Kontinents und der Notwendigkeit, feste Grundlagen für die Gestalt des
zukünftigen Europas zu schaffen", weisen die Verträge von Maastricht den Weg zur
"Europäischen Union" mit gleichen Lebensbedingungen und Chancen für die
Bürger in Europa. 1.Die Wirtschafts- und Währungsunion als die materielle Grundlage für das zukünftige Europa wird nur dann zu einer Hoffnung und Perspektive, wenn die Freiheit des Handels von Waren, Dienstleistungen und Kapital sich vollzieht auf dem Fundament der sozialen Gerechtigkeit. Hierzu müssen zwei Prämissen erfüllt sein: Geschaffen werden muss ein einheitlicher Rahmen für die Struktur eines Abgabensystems, über das alle gleichmäßig nach ihrer wirtschaftlichen individuellen Leistungsfähigkeit zu den steuerlichen Lasten herangezogen werden als ein effektiver Schritt hin zu mehr Steuergerechtigkeit und damit auch zur sozialen Gerechtigkeit 1). Funktionstüchtige und leistungsstarke Finanzverwaltungen müssen für seine Umsetzung in die Besteuerungspraxis die Grundlagen schaffen. 2.Auch die freie Marktwirtschaft ist keine Marktwirtschaft des Ellenbogens und des Manchesterkapitalismus; sie ist ohne das Attribut "sozial" ohne Wurzel in einem sozialen Rechtsstaat. Sie kann nur dann gedeihen, wenn die freien Kräfte des Marktes operieren auf dem Boden der sozialen Gerechtigkeit. 3.Wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß sind die Gesellschaften in
Europa von diesen Zielen noch weit entfernt. In vielen Ländern wird die Kluft zwischen
arm und reich immer tiefer: auf der einen Seite fast 20 Millionen Arbeitslose allein
in der EU, auf der anderen Seite Spitzenverdiener in vielen Bereichen der privaten
Wirtschaft. Das Bindeglied zwischen beiden Polen - ein wirtschaftlich leistungsfähiger
Mittelstand, zu dem auch der öffentliche Dienst gehört - wird immer schwächer. Wenn immer weniger Steuern eingenommen werden, weil immer mehr Gewinne in
Niedrigsteuergebiete in aller Welt verlagert werden, sind dies alarmierende Herausforderungen für den sozialen Rechtsstaat. 4.Mit wachsender, ja beklemmender Besorgnis beobachtet die UFE,
dass
die Strukturkrisen der europäischen Finanzverwaltungen (Steuer- und Zollverwaltungen)
auch zu einer Krise der sozialen Gerechtigkeit geführt hat. 5.Die Finanzverwaltungen sind daher ein bedeutsamer Dreh- und Angelpunkt im europäischen Integrationsprozess. Das Personal der Finanzverwaltungen in Europa ist sich seiner Rolle und Funktion in einem sozialen Rechtsstaat bewusst, über die Steuergerechtigkeit auch mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Die Beschäftigten der Finanzverwaltungen in Europa sind entschlossen, ihren Beitrag für mehr Steuergerechtigkeit zu leisten im Kampf gegen die Wirtschafts- und Steuerkriminalität. Sie stehen an der Seite der ehrlichen und pünktlichen Steuerzahler. Mit ihnen "sitzen sie in einem Boot". Denn die ehrlichen Steuerzahler zahlen über eine hohe, ja konfiskatorische Steuerbelastung die Zeche für die Steuer- und Wirtschaftskriminalität. - solidarisch in der Union des Finanzpersonals in Europa (UFE) - erwarten von den für die Finanzverwaltungen verantwortlichen Politiker auf nationaler und europäischer Ebene tatkräftige Unterstützung - auf zwei Grundlagen: auf einer ungeschminkten Analyse der Lage der europäischen Finanzverwaltungen und - darauf aufbauend - auf einem schlüssigen plausiblen Handlungskonzept, wie erkannte Defizite überwunden, die Leistungsfähigkeit der Finanzverwaltungen gestärkt und die Beschäftigten ihren bedeutsamen Auftrag erfüllen können. In diesem Bewusstsein verabschiedet das Komitee am 9. September 1997 in Bonn die "Charta der Finanzverwaltungen in Europa". zurück Die Steuergesetze (Steuer- und Zollgesetze) werden immer komplizierter, weil alle nur
denkbaren Staatsziele über das Steuerrecht erreicht werden sollen. Die Normenflut, mit
der die Finanzverwaltungen in Europa überschwemmt werden, wird immer gewaltiger - nicht
nur durch die Steuergesetze, sondern auch durch eine Subkultur von Verordnungen,
Richtlinien, Erlassen, Rechtsprechung usw. 2."Steuerdumping"
Denn: als Folge wird die Steuerlast auf die weniger mobile Besteuerungsgrundlage - die Arbeit - verlagert. Dies führt zu einer immer höheren Besteuerung der Arbeitnehmer. 3.Bestimmungslandprinzip =
Einfallstor für Wirtschafts- und Steuerkriminalität
4.Steuer- und Zollverwaltung - ein stumpfes Schwert gegen Steuer- und Wirtschaftskriminalität Alarmierend ist der Befund: Die europäischen Steuerverwaltungen können ihre Kontrollfunktionen nicht wahrnehmen. Sie sind außerstande, die vorhandenen Steuerquellen zu erschließen. Überall - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß - klaffen gewaltige Personallücken. In der Regel wird Personal abgebaut, obwohl die Aufgaben dynamisch wachsen. Die unzureichende Personalausstattung der Zollverwaltung bewirkt, dass eine wirksame Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wird. So können die Beschauquoten für Waren, die der gemeinsamen Marktorganisation der EU unterliegen, aufgrund der Personallücken nicht eingehalten werden, wird gegen nationale Außenwirtschaftsvorschriften verstoßen durch Binnentransporte, die von den Zollverwaltungen nicht nachvollzogen werden können. Allein durch den Zigarettenschmuggel entstehen zum Beispiel in Deutschland nach Schätzung des Europäischen Rechnungshofs alljährlich Steuerausfälle in Höhe von fast drei Milliarden DM. Nicht zuletzt bewirken die Vollzugsdefizite der Zollverwaltungen besorgniserregende Sicherheitsdefizite in den EU-Mitgliedsländern. 5.Steuerkriminalität und Wirtschaftskriminalität boomen zurück Dies alles ist der Nährboden für die boomende Steuer- und Wirtschaftskriminalität, die sich immer mehr an die organisierte Kriminalität anlehnt, der die europäischen Finanzverwaltungen nicht entgegenzusetzen haben.
Die gesellschaftliche Solidarität wird gesprengt, wenn die einen sich ihren steuerlichen Pflichten entziehen und die anderen - über die Grenze ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit hinaus - mit Steuern belastet werden. So zahlen die ehrlichen Steuerzahler die Zeche für Steuerkriminalität und Schattenwirtschaft. Ein sozialpolitisches Ärgernis ist es, wenn auf der einen Seite die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst demontiert werden, während auf der anderen Seite die Steuer- und Wirtschaftskriminalität großen Stils gefördert wird und die vorhandenen Steuerquellen nicht erschlossen werden. III.Sieben
Schwerpunktforderungen zur Stärkung l Zur Stärkung der Finanzverwaltung in einem geeinten Europa, l zur Sicherung ihrer Funktionsfähigkeit, l zum Wohle der ehrlichen und pünktlichen Steuerzahler, l zum Schutz der Verbraucher von Produkten im internationalen Warenverkehr fordert die UFE die verantwortlichen Politiker in Europa auf, dafür Sorge zu tragen, dass die europäischen Finanzverwaltungen ihre bedeutsamen Aufgaben in einem europäischen Binnenmarkt und in der Wirtschafts- und Währungsunion erfüllen können. 1.Die Struktur der Abgabengesetze ist zu harmonisieren; dabei ist
gleichzeitig die Chance einer spürbaren Gesetzesvereinfachung zu nutzen. 2.Die Personalplanung ist an den Aufgabenzuwächsen zu orientieren auf der Grundlage einer Aufgabenanalyse. Maßstab darf nicht die "Verteilung des Mangels sein", sondern der an den Aufgabenzuwächsen ausgerichtete Personalbedarf als Richtschnur für Stellenbewilligungen durch den Haushaltsgesetzgeber. 3.Insgesamt ist die personelle Wettbewerbsfähigkeit der Finanzverwaltungen in der Gemeinschaft mit der privaten Wirtschaft und den steuerberatenden Berufen herzustellen durch eine größere Attraktivität der Arbeitsbedingungen, durch eine zutreffende Einschätzung des "Marktwertes" der Beschäftigten der europäischen Finanzverwaltungen, durch verbesserte Zukunftsperspektiven, durch eine Einstellung auf Lebenszeit zur Sicherung der inneren und äußeren Unabhängigkeit der Beschäftigten. 4.Der Personalaustausch zwischen den EU-Mitgliedsländern ist zu
verstärken. Eine wirksame Zusammenarbeit kann nur dann entstehen und gedeihen, wenn den
Beschäftigten der Steuer- und Zollverwaltungen neben Kenntnissen des Gemeinschaftsrechts
auch die Systeme des Steuer- und Zollrechts in den anderen EU-Mitgliedsländern und die
Verwaltungsorganisation vermittelt werden. Dies nicht nur in der Theorie, sondern auch in
der Praxis, indem den Beschäftigten die Gelegenheit geboten wird, in den anderen
EU-Mitgliedsländern zu hospitieren. 5.Bei der Missbrauchsbekämpfung auf dem Gebiet der Mehrwertsteuer und der Verbrauchsteuern ist das Programm "FISCALIS" der EU-Kommission ein Schritt in die richtige Richtung. Hierzu gehören insbesondere der vorgesehene Informationsaustausch über ein Mehrwertsteuerinformationssystem, die Seminare und multilateralen Überwachungsübungen, die Ausbildungsinitiative zur Einführung in das Programm "FISCALIS" sowie der Sprachendienst.
6.Zur Koordinierung der Arbeit der europäischen Zollverwaltungen zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung und organisierter Kriminalität ist ein Europäisches Zollfahndungsamt zu schaffen. Es soll die Einheitlichkeit der Bekämpfung der Zollkriminalität gewährleisten und die Einzelmaßnahmen der Zollverwaltungen optimieren.
7.Aus dem Aktionsprogramm "Zoll 2000" der EU sind die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen. Das europäische Ziel, das auch vom Untersuchungsausschuss des Europäischen Parlaments im Blick auf Unregelmäßigkeiten im Versandverfahren definiert worden ist, muss eine einheitliche Europäische Zollverwaltung sein.
Die UFE appelliert an die verantwortlichen Politiker in Europa: Sorgen Sie dafür, dass die Steuergesetze (Zoll- und Steuergesetze) vereinfacht, in ihrer Struktur harmonisiert werden und dadurch das "Steuerdumping" eingedämmt wird! Sorgen Sie dafür, dass die vorhandenen Steuerquellen durch eine leistungsfähige Finanzverwaltung (Steuer- und Zollverwaltung) erschlossen werden können! Sorgen Sie dafür, dass die Steuer- und Wirtschaftskriminalität energisch bekämpft wird, die alljährlich Steuerausfälle in dreistelliger Milliardenhöhe verursacht! Sorgen sie dafür, dass durch die Ausschöpfung der Steuerquellen die Haushaltsdefizite zurückgeführt werden und dadurch finanzieller Spielraum entsteht für Investitionen und die Bekämpfung der bedrückenden und bedrohenden Arbeitslosigkeit! Sorgen sie dafür, dass auf diese Weise durch mehr Steuergerechtigkeit auch mehr soziale Gerechtigkeit entsteht und der soziale Frieden erhalten bleibt!
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