Union du Personnel des Finances en Europe                                            
                                                        Union of Finance Personnel in Europe
                                                        L’Unione del personale delle finanze in Europa    
 

 



Steuern und Zölle als Gestaltungsfaktoren sozialer Gerechtigkeit
- ihre Defizite und Perspektiven

I.

1. Die soziale Gerechtigkeit ist das Fundament des Rechtsstaates. Soziale Gerechtigkeit entsteht nur dann, wenn ein Kernstück gewährleistet ist: die gleichmäßige Besteuerung über die Finanzgesetze und über ihren Gesetzesvollzug.

Je stärker Europa zusammenwächst, desto stärker wird deutlich, wie Finanzsysteme ein Gestaltungsfaktor der sozialen Gerechtigkeit geworden sind.

Die in Luxemburg versammelten Repräsentanten der Beschäftigten der europäischen Steuer- und Zollverwaltungen bekräftigen ihre Sorge über die Vollzugsdefizite beider Verwaltungen, wie sie in der „Charta der Finanzverwaltungen in Europa" beschrieben sind. In der Regel wird Personal abgebaut, obwohl die Aufgaben dynamisch wachsen.

So sind die europäischen Steuer- und Zollverwaltungen außerstande, ihre Kontrollfunktionen wahrzunehmen und die vorhandenen Steuerquellen zu erschließen.

Die Vollzugsdefizite in den europäischen Zollverwaltungen bergen überdies gewaltige Sicherheitsrisiken. Verstoßen wird gegen nationale und europäische Vorschriften durch Binnentransporte, die von den Zollverwaltungen nicht nachvollzogen werden können. So entstehen allein durch den Zigarettenschmuggel in Deutschland nach Schätzungen des Europäischen Rechnungshofes alljährlich Steuerausfälle in Höhe von fast drei Milliarden DM.

Der europäische Binnenmarkt zum 1. Januar 1993 hat zu einem besorgniserregenden Anstieg der Steuer- und Wirtschaftskriminalität geführt, insbesondere durch die Umsatzsteuerübergangsregelung, das sog. „Bestimmungslandprinzip" - ein Einfallstor für Steuer- und Wirtschaftskriminalität, auch in ihrer schwersten Erscheinungsform, den Karussellbetrügereien.

2. Insgesamt boomt die Steuer-, Zoll- und Wirtschaftskriminalität, die sich europaweit immer mehr an die organisierte Kriminalität anlehnt.

II.

Dies ist der üppige Nährboden für eine blühende Schattenwirtschaft in Europa. Sie beträgt zwischen 10 % und 20 % der Bruttoinlandsprodukte. Geschätzt wird, daß innerhalb der EU alljährlich Steuerausfälle in Höhe von mindestens 300 Milliarden Euro entstehen.

Wenn Arbeitnehmer bis an die Grenze ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit mit Steuern belastet werden,

wenn die Gewinner aus Schattenwirtschaft und Steuerkriminalität risikolos reiche Erträge einfahren,

sind dies alarmierende Herausforderungen für unseren sozialen Rechtsstaat.

III.

1. Das Steuerdumping nimmt immer größere Dimensionen an bei fortschreitender europäische Integration und wachsendem globalen Wettbewerb.

Gewinne werden in Niedrigsteuergebiete verlagert. Dies bewirkt Steuerausfälle in den Ländern, in denen sich die wirtschaftliche Tätigkeit entfaltet.

Steuerdumping verzerrt den Wettbewerb.

Steuerdumping blockiert die soziale Gerechtigkeit: Briefkastenfirmen sind mobil, Arbeitnehmer mit ihren sozialen Bindungen weniger. Dadurch wird die Steuerlast in Europa und in der Welt immer stärker auf die Arbeit verlagert. Dies führt zu einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft", der soziale Frieden gehört in Gefahr.

2. Die Globalisierung der Weltwirtschaft fördert das Steuerdumping und begünstigt politische Absichten, über die die Steuersysteme in eine verhängnisvolle soziale Schieflage geraten würden.

So sieht das Multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI-Ab-kommen) vor, eine Liberalisierung ohne Kontrolle der internationalen Investitionen zu erlauben und stellt eine Einschränkung der Souveränität der Staaten dar.

IV.

1. Die UFE verpflichtet sich dazu, die verantwortlichen Politiker in Europa aufzurufen, diese Mißstände zu beseitigen und erhebt hierzu auf der Grundlage der „Charta der Finanzverwaltungen in Europa" fünf Schwerpunktforderungen:

Die Finanzverwaltungen in Europa sind zu stärken, die Aufgaben sind zu analysieren. Die Personalausstattung hat sich an den wachsenden Aufgaben zu orientieren.

Für die Beschäftigten sind Leistungsanreize zu schaffen durch eine größere Attraktivität der Arbeitsbedingungen und verbesserte Beförderungsmöglichkeiten als Grundlage für bessere berufliche Perspektiven.

Nur so kann die bedrohliche Steuerkriminalität und Schattenwirtschaft bekämpft werden, nur so können die Haushaltsdefizite zurückgeführt und dadurch finanzieller Spielraum gewonnen werden für Investitionen und auch die Bekämpfung der bedrückenden Arbeitslosigkeit.

Politische Initiativen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene sind zur Eindämmung des Steuerdumpings zu ergreifen, damit die Steueroasen, die sich über die ganze Welt wie ein aggressiver Virus ausbreiten, ausgetrocknet werden. Hierzu ist die Struktur der Steuergesetze in der EU zu harmonisieren, damit sich die Freiheit des Handels von „Waren, Dienstleistungen und Kapital" ohne Wettbewerbsverzerrungen entfalten kann. Ebenso müssen die gesetzgebenden Mittel verabschiedet werden, die sich an die neuen mit der Internationalisierung des Handels und den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien verbundenen Betrugsrisiken anpassen können.

Es muß gewährleistet werden, daß die Zollverwaltungen der Mitgliedstaaten der EU, die im wesentlichen europäisches Recht umsetzen, dies auf der Basis einer einheitlichen Rechtsanwendung mit überall gleichen Befugnissen ausüben können, damit keine Zoll-Schlupflöcher entstehen können und bereits bestehende geschlossen werden.

Insgesamt ist die Sozialstruktur der Steuersysteme zu verbessern durch die Verwirklichung des Prinzips, daß jeder soviel zum Haushalt beiträgt, wie ihm möglich ist.

Zu verbessern ist auch die Sozialstruktur der Mehrwertsteuersysteme. In die gemeinschaftlichen Überlegungen einzubeziehen sind auch die Einführung eines Null-Steuersatzes auf Güter des lebensnotwendigen Bedarfs.

Dem Abschluß des MAI-Abkommens ist entgegenzuwirken. Das Abkommen ist nichts anderes als ein Investitionspakt zum Profit weltweit operierender Konzerne und steht für den Verlust der Souveränität der Staaten. So gerät die Globalisierung außer Kontrolle und manövriert die nationalen Steuergesetze in eine bedrohliche soziale Schieflage.

Gerade im Blick auf das „MAI-Abkommen" ist die immer stärker diskutierte „Tobin-Steuer", eine Steuer auf spekulative Devisenumsätze nach dem Modell des US-Ökonomen James Tobin, mehr als eine irrationale Vision. Die „Tobin-Steuer" ist ein Denkmodell, wie über völkerrechtliche Verträge Spekulationsgewinne abgeschöpft und die Sozialstruktur des internationalen Steuerrechts verbessert werden kann. Die UFE verpflichtet sich dazu, die Initiativen zur Entmutigung der spekulativen Finanzflüsse zu unterstützen und im Rahmen einer dauerhaften Entwicklung eine reale Wirtschaft zu fördern.

V.

Die Finanzverwaltungen in Europa können Gestaltungsfaktor sozialer Gerechtigkeit sein. Die Beschäftigten der Finanzverwaltungen in Europa sind sich dieser Rolle bewußt und setzen sich ein:

für eine Stärkung der Mittel und Aufgaben der europäischen Steuer- und Zollverwaltungen, damit diese in der Lage sind, die Steuer- und Wirtschaftskriminalität zu bekämpfen,

damit die Steuer- und Abgabensysteme in Europa mehr Steuergerechtigkeit und damit soziale Gerechtigkeit schaffen,

damit die Steuersysteme in Europa durch eine kontrollierte Beschäftigungspolitik dazu beitragen, den sozialen Frieden zu sichern.